Cognitive Computing und die interne Kommunikation:

„Watson, übernehmen Sie die interne Kommunikation!“

Beitrag teilen:

Cognitive_Computing_IK_Blog

Kaum haben wir uns an den Gedanken der digitalen Transformation gewöhnt, da kommt bereits die nächste „Welle“ auf uns zu: Cognitive Computing. Auf der CeBIT 2016 habe ich einen Vortrag von den IBM-Mitarbeiterinnen Huguette Ranc und Katrina Troughton zu dem Thema gehört. Und da ich immer mit dem Verstärker „interne Kommunikation“ höre, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Ersetzt der „intelligente“ Computer demnächst die IK-Manager?

Entwicklung von internen Kommunikationskonzepten durch „Cognitive Computing“

Zu „künstlicher Intelligenz“ und den unterstützenden Computersystemen wird seit den 1950er-Jahren geforscht. Nun scheinen die Technik und die (marktwirtschaftliche) Zeit reif, um über den Einsatz von „Cognitive Computing“ in Unternehmen nachzudenken. Bekommen die IK-Manager demnächst einen virtuellen Kollegen, der gemeinsam mit ihnen Konzepte und Strategien entwickelt, maßgeschneidert auf jeden einzelnen Mitarbeiter?

Kognitive Computer arbeiten mit einer lernfähigen Software, die in der Lage ist, vom Menschen eingegebene Informationen „zu verstehen“. Die Systeme verarbeiten schnell große Datenmengen, bilden Muster, berücksichtigen den Kontext und ziehen Schlüsse. Software-Lösungen zur Analyse und für Auswertungen existieren seit Längerem. Das Besondere beim Cognitive Computing ist die ständige Auswertung und Verknüpfung von Daten und damit das permanente Lernen.

Ein Vertreter dieser „intelligenten“ Computersysteme ist Watson von IBM, der 2011 bekannt wurde, als es in einer amerikanischen Fernsehquizshow gegen seine menschlichen Mitspieler gewann. Mittlerweile wird Watson verstärkt in der Krebsdiagnostik eingesetzt, lernt von den Großmeistern kochen, soll Japanisch verstehen und „sprechen“ – werbewirksam versteht sich.

Nutzungsbeispiele in der internen Kommunikation durch „Cognitive Computing“

Huguette Ranc und Katrina Troughton haben in ihrem Vortrag drei konkrete Nutzungsbeispiele aufgezeigt:

Konkrete Nutzungsbeispiele:

  • Priorisierung von Aufgaben: Das virtuelle Teammitglied (Originalton der beiden IBM-Vertreterinnen: „essential new virtual team member“) priorisiert die Beantwortung von E-Mails und kennzeichnet die zu erledigenden Aufgaben.
  • Aussprechen von Empfehlungen: Wenn sich mehrere Termine im Kalender überschneiden, spricht das System eine Empfehlung aus, welchen Termin der Mitarbeiter bzw. die Mitarbeiterin wahrnehmen sollte, und liefert entsprechende Argumente.
  • Sprachliche Angemessenheit: Das System überprüft die Tonalität in E-Mails und schlägt gegebenenfalls einen anderen, angemesseneren Ton vor.

Für die interne Kommunikation kann ich mir weitere Einsatzmöglichkeiten vorstellen, die ich kurz erläutere.

Weitere Einsatzmöglichkeiten für die interne Kommunikation:

  • Interner Journalismus: Die interne Berichterstattung wird nicht nur automatisiert (das geht heute schon), sondern die Inhalte werden kontinuierlich an den Bedürfnissen der Bezugsgruppe ausgerichtet und mit Blick auf die Instrumente optimiert. Dabei hat das System den Sinn, die Vision und die Strategie des Unternehmens immer im Blick bzw. in den Datensätzen.
  • Analyse und Szenariotechnik: Das System erkennt Meinungen, Einstellungen und Emotionen der Mitarbeiter/innen und empfiehlt z. B. im Veränderungsprozess Maßnahmen. Die Daten fließen in Echtzeit in das bestehende Kommunikationskonzept ein und das System passt die Strategie sofort an.
  • Informationsquelle: Die Mitarbeitenden befragen den Computer zu bestimmten Themen mithilfe eines Sprachassistenten, wie wir ihn z. B. durch Siri von Apple kennen. Das System erweitert sein Themenspektrum stetig.
  • Beschleunigung von Prozessen: Interne Entscheidungs- und Informationsprozesse werden durch Echtzeitanalyse und Echtzeitempfehlungen unterstützt, wodurch bei Besprechungen Zeit und (menschliche) Energie gespart wird.
  • Prognosen: Das System sagt vorher, in welcher Abteilung es demnächst Konflikte geben wird, kann identifizieren, welcher Mitarbeiter sich mit Wechselgedanken trägt, und wo jemand Gefahr läuft, in den Burnout zu rutschen.

Unheimlich? Mir ist schon etwas flau bei dem Gedanken, denn ein solcher Einsatz würde voraussetzen, dass Mitarbeiterdaten in Echtzeit gesammelt und ausgewertet werden. Noch gibt es Grenzen und Hemmschwellen finanzieller, datentechnischer, rechtlicher und ethischer Art. Aber die Technik steht bereit, und ich fürchte, dass die rasche Verfügbarkeit des Cognitive Computing einer differenzierten Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken entgegensteht.

Anforderungen an die Manager der internen Kommunikation in der Ära des „Cognitive Computing“

Welche Kompetenzen werden die IK-Manager in Zukunft brauchen, um die interne Kommunikation zu verbessern und zu gestalten? Erfahrung in Statistik, Kognitionswissenschaften und Verhaltensökonomie? Müssen wir kreativer werden, um dem Computer das gewisse „menschliche Etwas“ vorauszuhaben? Werden sich neue, für uns noch nicht sichtbare Chancen auftun? Oder schafft sich der Mensch mit künstlicher Intelligenz und „Cognitive Computing“ selbst ab, wie einige namhafte Wissenschaftler und Unternehmer prognostizieren?

Watson, bitte übernehmen Sie die interne Kommunikation? Ich habe (noch) keine Antwort. Wichtig finde ich es jedoch, sich mit dem Thema regelmäßig auseinanderzusetzen, um ein (argumentatives) Fundament und eine Haltung zu entwickeln. Zudem ist es sicherlich hilfreich, die interne Kommunikation weiterhin mit System zu planen, in der Umsetzung auf Sicht zu fahren und den eingeschlagenen Kurs regelmäßig zu hinterfragen.

 

Weiterlesen?

Der Digitalverband Bitkom hat 2015 einen Leitfaden publiziert, den ich als Einstieg in die Thematik interessant finde. Beachten Sie bei der Lektüre, dass Bitkom Unternehmen aus der digitalen Wirtschaft vertritt und hinter den Ansichten ein eigenes Interesse steht. Zum Leitfaden „Kognitive Maschinen“ – Meilenstein in der Wissensarbeit.

Max Rauner und Thorsten Schröder haben im Februar 2015 einen ausführlichen Artikel „Künstliche Intelligenz: Die Cogs kommen“ in ZEIT ONLINE veröffentlicht, in dem sie sich glaubwürdig und differenziert mit den Möglichkeiten und Risiken von künstlicher Intelligenz auseinandersetzen. Die Literaturempfehlungen sind ebenfalls hilfreich. Zum Artikel

Kennen Sie jemanden, für den mein Blogbeitrag ebenfalls von Interesse ist?
Dann teilen Sie ihn doch:

thinkstock Michael Blann – Bildbearbeitung: Freyja Kok

2 Kommentare zu „Cognitive Computing und die interne Kommunikation:“
  1. 04.04.16, 19:16 Uhr

    Liebe Ulrike,
    ich danke dir für deinen tollen und ehrlichen no-bullshit-Blog! Besonders die Links unten drunter, aber auch deine erfrischenden Gedanken zu Cogs und den Folgen sind sehr anregend, unaufgeregt und dem Thema angemessen.

    Antworten
    • 05.04.16, 8:45 Uhr

      Lieber Thomas,

      danke für Deinen Kommentar, der mich sehr freut und mich anspornt.

      Dir einen schönen Tag und herzliche Grüße quer durch die Stadt,
      Ulrike

      Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar