Die Beobachtung beobachten!

Beobachtung 2. Ordnung – die interne Kommunikation im nächsten Jahrzehnt

Beobachtung 2. Ordnung: Die Beobachtung beobachten

Das zweite Jahrzehnt unseres Jahrhunderts werden wir in einigen Tagen hinter uns lassen. Wie wird die interne Kommunikation in den nächsten zehn Jahren aussehen? Den Blick auf die technischen Möglichkeiten, vor allem zur künstlichen Intelligenz, überlasse ich den Zukunftsforschern. Drei Kompetenzen halte ich allerdings für die Zukunftssicherung von Organisationen und für die interne Kommunikation für besonders wichtig:

Heute erfahren Sie, was es mit der Beobachtung 2. Ordnung auf sich hat, wieso ich sie wichtig finde und wie Sie sie organisieren können.

Die interne Kommunikation durch Beobachtung 2. Ordnung zukunftsfest machen

Wir leben in einem Zeitalter der Fülle, und das wird sich im nächsten Jahrzehnt kaum ändern: Wir können aus unzähligen Instrumenten und Maßnahmen auswählen. Unser Werkzeugkasten ist in den letzten Jahren um agile Methoden erweitert worden. Neben der hierarchischen Organisationsform können wir die internen Kommunikationsabteilungen auch anders organisieren, z. B. in crossfunktionalen und selbstorganisierten Teams und/oder in Newsrooms. Aber woher wissen wir, was sinnvoll ist? Wie können wir bei all den möglichen Zukunftsszenarien erkennen, was für die Organisation, die Führungskräfte und Mitarbeitenden und für die interne Kommunikation nützlich ist? Eine Art, mit der Vielfalt und Komplexität umzugehen, ist die sogenannte Beobachtung 2. Ordnung, von der ich mir wünsche, dass sie zur Metakompetenz im nächsten Jahrzehnt wird.

Was ist Beobachtung 2. Ordnung?

Erinnern Sie sich an den Feldherrenhügel, auf den uns der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun mitnahm? Von einer distanzierten Position aus sollten wir über die Art, wie wir kommunizieren, miteinander sprechen. Die Beobachtung 2. Ordnung funktioniert genau nach diesem Prinzip: Wir klettern auf den Hügel. Diesmal geht es allerdings darum, unsere Beobachtung zu beobachten. Auf was richten wir unseren Fokus? Durch welche Brille betrachten wir? Welche Perspektive nehmen wir ein? Mit dem Blick vom Hügel haben wir die Möglichkeit, unsere Beobachtung auf Dinge zu lenken, die uns bislang verborgen blieben.Den Blick auf das „Außen“ lenken, nennt es der englische IT-Spezialist und Psychologe George Spencer Brown. Er unterscheidet zwischen „innen“ und „außen“. „Innen“ ist das, auf das wir den Fokus richten. Das „Außen“ bleibt dabei oft unbeobachtet. Unbewusste und blinde Flecken entstehen. Sobald wir bewusst beobachten und ein „Stück vom Außen“ einbeziehen, gewinnen wir somit neue Erkenntnisse und Handlungsmöglichkeiten.

Der Begriff Beobachtung 2. Ordnung geht auf den Wissenschaftler Heinz von Foerster zurück. Er wollte damit einen Unterschied zur „normalen“ Beobachtung, der Beobachtung 1. Ordnung, einführen. Dieser Unterschied lässt sich kurz so zusammenfassen:

Beobachtung: 1. Ordnung: Hier wird das WAS beobachtet. Wir beobachten ein Objekt, eine Person, ein Verhalten. Dabei sind wir uns oft nicht bewusst, durch welche Brille, nach welchen Prinzipien wir beobachten. Blinde Flecken entstehen.

Beobachtung: 2. Ordnung: Hier wird das WIE beobachtet. Wir beobachten entweder mit Selbstdistanz. Oder eine andere Person macht uns drauf aufmerksam, wie wir beobachten und was wir noch nicht in den Blick genommen haben könnten.

Blinde Flecken sichtbar machen

Mit Beobachtungen 2. Ordnung werden also blinde Flecken sichtbar. So entdecken Sie vielleicht in Besprechungen Kommunikationsmuster, in die Sie immer wieder geraten und die Ihre Arbeit lähmen. Oder Sie erkennen Glaubensätze, die Sie hinterfragen können, wie zum Beispiel: “Die älteren Mitarbeitenden blockieren die Digitalisierung“ oder „Interne und externe Kommunikation gehören unbedingt zusammen.“ Sie könnten aber auch Ressourcen entdecken, die Ihnen bislang nicht bewusst waren, weil Sie zu sehr auf das geblickt haben, was nicht funktioniert. Eine Frage, die Sie sich dazu stellen könnten, lautet: „Was haben wir bisher noch nicht im Blick gehabt, was unsere Arbeit bereichern und voranbringen könnte?“

Wie kann Beobachtung 2. Ordnung in der internen Kommunikation organisiert werden?

Am besten eignen sich Reflexionsformate für eine Beobachtung 2. Ordnung, wie z. B. eine Retrospektive, eine Supervision oder ein Coaching.

Retrospektive

Dieses Format ist durch das agile Projektmanagement bekannt geworden. Das Team reflektiert am Ende einer Arbeitseinheit (Sprint) die Zusammenarbeit und arbeitet Verbesserungsmöglichkeiten heraus. Mit Hilfe eines (agilen) Coaches wird eine Metaposition eingenommen und auf die Teamarbeit geblickt.

Supervisionsformat

In der Supervision reflektiert eine Person oder ein Team regelmäßig über aktuelle Themen und Probleme im Berufsalltag. Das Ziel ist es, die Qualität der Arbeit, die Selbstwirksamkeit und die Gesunderhaltung zu fördern. Eine Supervisorin/Supervisor hilft der Person oder dem Team, einen anderen Blick auf die Dinge zu entwickeln.

Coaching

In diesem Format entwickelt zumeist eine Einzelperson mit Hilfe eines Coaches neue Lösungen und Handlungsmöglichkeiten, um ein vorher definiertes Ziel zu erreichen. Die Coaching/der Coach unterstützt die/den Coachee dabei, neue Blickwinkel einzunehmen.

Blickschulung

Falls Sie auf keines der „organisierten“ Formate zurückgreifen wollen, lässt sich Ihr Blick auf so schulen. Das geht allein oder in einem Gespräch in kleiner Runde. Worauf achten Sie normalerweise bei Ihrer Arbeit? Was ist bei Ihnen „innen“, und was ist „außen“? Worauf richten Sie in der internen Kommunikation zuerst Ihren Blick? Auf die Instrumente? Oder haben Sie die strategische Linie im Blick?

„Welche Brille haben Sie auf? Wass nehmen Sie durch sie wahr und was blenden Sie aus?“

Sie können aber natürlich auch eine konkrete Situation auswählen und überlegen, welche Brille Sie aufhaben. Was nehmen Sie durch diese Brille wahr? Wohin zieht Ihr Blick? Was können Sie noch wahrnehmen? Was ist hilfreich oder weniger hilfreich?

Ihre Rolle bei der Beobachtung 2. Ordnung

Sie finden die Beobachtung 2. Ordnung interessant, wissen aber nicht genau, was Sie als interne Kommunikationsmanagerin damit anfangen sollen? Nun: Sie können zunächst bei sich selbst anfangen und sich selbst beim Beoachten beobachten. Als nächsten Schritt können Sie den Gedanken in Ihr Team tragen und das eine oder andere Reflexionsformat auf seine Wirkung ausprobieren. Und wenn Sie zufrieden sind, können Sie – gemeinsam mit HR und der Rückendeckung der Leitung – das Thema in die Breite Ihrer Organisation tragen und einen Entwicklungsprozess anstoßen.

Beobachtung 2. Ordnung und der wertschätzende Umgang

Habe ich Sie neugierig auf weitere Metakompetenzen gemacht? Im nächsten Blogbeitrag werden Sie lesen, wie es sich mit der Wertschätzung verhält. Sie erfahren (oder werden bestätigt), wie Sie selbst wertschätzend kommunizieren und wie Sie die Beobachtung 2. Ordnung dafür einsetzen können.

Kommen Sie gut ins neue Jahr und viel Spaß beim Schärfen des Blicks.

Ihre Ulrike Führmann

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